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Alte Gebäude, neue Erkenntnisse

Albrecht Bedal (Hg.): Alte Gebäude, neue Erkenntnisse. Zwei Freilichtmuseen und ihr Häusererbe im 21. Jahrhundert. Schwäbisch Hall 2012, 112 Seiten mit zahlr. Abb., brosch., 12,- Euro. Zu beziehen über Hohenloher Freilandmuseum bzw. Schwarzwälder Freilichtmuseum

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Der Band führt die Beiträge zweier Tagungen zusammen, die im Frühjahr 2012 im Hohenloher Freilandmuseum und im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof stattgefunden haben. Im einen Fall ging es um “Wunsch und Wirklichkeit in der Bauforschung” am Beispiel des sog. “Pfarrer-Mayer-Hauses” und im andern um „Das Schwarzwaldhaus. Von gestern. Bis heute. Und morgen?“ In Gutach gab das Erbauungsjubiläum des namensgebenden “Vogtsbauernhofes” den Tagungsanlass: 1612 ist der Hof errichtet geworden. Mit seiner Restaurierung vor Ort zu Beginn der 1960er Jahre wurde der Grundstein zum erfolgreichsten Freilichtmuseum in Baden-Württemberg gelegt, und der Bau selbst ist dank unzähliger Abbildungen in der allgemeinen Wahrnehmung zur Inkarnation des Schwarzwaldhauses geworden. Dass der fotogene Vogtsbauernhof ohne Weiteres als typisches Schwarzwaldhaus gelten kann, ist für die Bauforschung haute weniger ein Problem, als die Frage, was denn der Begriff Typus in diesem Zusammenhang bedeutet und ob überhaupt von regionaltypischen Bauformen im engeren Sinne gesprochen werden kann – eine Frage, die die beiden Tagungen in Schwäbisch Hall und Gutach thematisch verbindet. Noch in den 1970er Jahren, als in Süddeutschland zahlreiche neue Freilichtmuseen neu gegründet wurden, sahen die beteiligten Bauforscher die regionaltypischen Merkmale von Bauernhäusern als unbestrittene Planungsgrundlage für solche Projekte. Dies hat sich inzwischen gründlich geändert, und deshalb bedarf es neuer Orientierung. Die regionale Hausforschung musste in den letzten Jahrzehnten konstatieren, dass ihr die herkömmlichen Typisierungen gleichsamt unter den Händen zerrinnen, je weiter sie die empirische Forschung am konkreten Objekt vorantreibt, und es sieht nicht danach aus, als könnten neue Parameter die ‘altbewährten’ Regionalia ersetzen, denn die Grenzziehungen  baulicher Gewohnheiten haben sich verwischen gründlich verwischt. Man kann das Bedauern in Zeiten allseits erwünschter regionaler Profilierung – ändern lässt sich daran freilich nichts. Die “Entzauberung der Welt”, um den vielzitierten Topos Max Webers zu bemühen, hat auch die Hausforschung erreicht. Allerdings ist das im 19. Jahrhundert geschaffene Bild von “Land und Leuten”, auf dem die Vorstellung des Regionaltypischen beruht, explizit als Gegenentwurf zu einer aggressiv expandierenden Industriegesellschaft entstanden, der moderne Wissenschaft und Technik zum Durchbruch verholfen haben. Und so darf es nicht verwundern, wenn dieses Bild des „natürlichen“ Landlebens bis heute Sinn abwirft. Die Karriere des sog. “Pfarrer-Mayer-Hauses” im dörflichen Baubestand in Hohenlohe bietet hierfür ein wunderbares Beispiel, zu der Ulrike Marski in dem besprochenen Band “Hintergründe einer Falschmeldung” liefert. Doch das Nachleben populärer Mythen ist bekanntlich hartnäckig. (Das zeigt auch ein Beitrag von Andreas Maisch, der dem legendären “Boeuf de Hohenlohe” auf den Haller Viehmärkten des 18. Jahrhunderts nachspürt.) Dass das notorisch Sinnfällige des ländlichen Lebensraumes mitunter auch zu falschen Schlüssen führen kann, belegt Gerd Schäfer mit einem Aufsatz zum spätmittelalterlichen Baubestand in den Dörfern der Landkreise Hohenlohe und Schwäbisch Hall. Während man bis vor wenigen Jahrzehnten der Meinung war, es habe sich hier kaum Bausubstanz aus der Zeit vor 1700 erhalten, haben die Hausforscher inzwischen eine stattliche Liste deutlich älterer Gebäude aufstellen können, die ihr eigentliches Alter hinter banalen Allerweltfassaden gut verborgen haben. Die natürlichen Lebensräume, die von der konservativen Kulturkritik des späten 19. Jahrhunderts als ideales Gegenbild zur Industriegesellschaft entworfen wurden, beruhten auf der Vorstellung organischer Einheiten und wurden dementsprechend von biologischen Denkfiguren und Metaphern geprägt. Darauf beruhte nicht zuletzt ihre Überzeugungskraft. Durch den Rassenwahn der Nazis sind solche biologisch gefärbten Kulturtheorien nachhaltig desavouiert worden, aber es greift zu kurz, wenn man diese ausschließlich in der Vorreiterrolle der völkischen Blut-und-Boden-Ideologie sieht. So kann Heinrich Schwendemann in seinem Aufsatz zu Hermann Schilli, dem Gründer des Schwarzwälder Freilichtmuseums, dessen “Forschungen zum Schwarzwaldhaus im Nationalsozialismus” zwar schlüssig nachzeichnen und dabei deutlich machen, in welchem Umfang Schilli sich vor 1945 auch einschlägiger Nazi-Terminologie bedient. Aber er muss vorläufig offen lassen, inwieweit sich “Spuren der ideologisch geprägten Forschungstätigkeit Hermann Schillis … auch in seinen Schriften nach 1945 finden lassen und in welchem Umfang sie unser Bild von Schwarzwaldhäusern bis heute prägen”. “Das Schwarzwaldhaus”, Schillis Hauptwerk, ist erstmals 1953 erschienen, und man tut sich allerdings schwer, in dem differenziert argumentierenden Buch ein nur sprachbereinigtes Ideologiekonstrukt zu erkennen, so dass sich die Frage stellt, was in diesem Fall unter “ideologisch geprägter Forschungstätigkeit” zu verstehen ist, unabhängig davon, dass Schillis gefügekundliche Typologie des Schwarzwaldhauses nach dem aktuellen Forschungsstand schwer aufrecht zu erhalten ist. Eine eher pessimistische Perspektive bietet ein Beitrag von Ulrich Schnitzer, der sich als Architekt ein halbes Leben lang mit der Ertüchtigung historischer Schwarzwaldhöfe zu modernen Landwirtschaftsbetrieben beschäftigt hat. Denn die aktuellen agrarpolitischen Leitbilder, wie sie durch die Förderpraxis der EU vertreten werden, haben die Größe der Höfe von Vollerwerbslandwirten inzwischen in Dimensionen wachsen lassen, denen das traditionelle Schwarzwaldhaus längst nicht mehr ausreichend Raum zur Verfügung stellen kann, ein Problem, dass selbstverständlich nicht nur im Schwarzwald zunehmend Einfluss auf die Nutzbarkeit der historischen Bausubstanz von Bauernhäusern nimmt.