Zurück

Der himmlische Blick

Eberhard Neubronner: Der himmlische Blick. Fotografierende Pfarrer im alten Württemberg 1890–1960. Tübingen: Silberburg Verlag 2013, 176 Seiten mit 207 teils farbigen Fotografien, gebunden, 24,90 Euro, ISBN 978-3-8425-1256-6

Image

Fotografien vom Leben auf dem Dorf haben ihr treues Publikum. Auch der Autor des vorlegenden Bildbandes hat schon mehrfach diesen Markt bedient. Mit seinem jüngsten Bildband legt Eberhard Neubronner eine viel versprechende Variation des Themas vor: Die Aufnahmen stammen fast durchweg von evangelischen Pfarrern und befassen sich überwiegend mit Dorfbewohnern auf der Schwäbischen Alb. Bis in die 1960er Jahre haben viele Albdörfer das Aussehen vorindustrieller Zeiten bewahrt, und die Aufnahmen der Pfarrer suchen offenkundig dieses Bild vom einfachen Leben der Landbevölkerung. Der himmlische Blick erweist sich als volkskundlicher. Tatsächlich ist das Bild der Landbevölkerung, das sich im 19. Jahrhundert bildet, stark von den dörflichen Honoratioren geprägt, dem Pfarrer, dem Lehrer, dem Arzt oder Apotheker, die auch die Gewährsleute für die Autoren der württembergischen Oberamtsbeschreibungen waren, die maßgeblich zur literarischen Formung des schwäbischen Volkscharakters beigetragen haben. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Bildkommentare des Herausgebers immer wieder die Oberamtsbeschreibungen zitieren, wenn es darum geht, Land und Leute treffend zu charakterisieren: die Aufnahmen der Pfarrer erscheinen in manchen Fällen geradezu als Illustration dieser Texte. In jedem Fall ist der himmlische Blick auf das Volk von hierarchischer Distanz geprägt, der Pfarrer fotografiert mit dem Habitus des Akademikers. Besonders deutlich wird dies an einem Kapitel des Bildbandes über die Benediktiner von Beuron. Über eine kurze Bildstrecke wechselt deutlich erkennbar die Perspektive, und beim Blättern wird schnell klar, dass hier eine Gemeinschaft aus der Innensicht fotografiert ist und ein Selbstbild liefert, das sich signifikant von den übrigen Porträts abhebt. Deutlicher als die manchmal etwas leutseligen Bildkommentare lenken die Aufnahmen der Mönche aus dem Donautal die Aufmerksamkeit zurück auf die Motive der Pfarrer, und dabei zeigt sich, dass auch deren scheinbar homogene Bildsprache mit der Zeit ein erstaunlich differenziertes Blickspektrum entfaltet. Am Ende hat der Bildband unverhofft eine kleine Schule des Sehens zu bieten.