Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Schillerlocke

Schillerlocke
Johann Heinrich Dannecker (1758-1841): Büstenfragment
Marmor und Dedikationsbrief
H 10,5 cm, B 14,2 cm (Blattgröße)
Bez.: "Mit herzlichem Dank für die schöne Musik/Direktor v. Dannecker/Stuttgardt d. 20ten Nov./1838"
Marbach am Neckar, Schiller-Nationalmuseum, Inv. Nr. 5950

Unser Bild von Schillers Physiognomie ist nachhaltig durch die Schillerbüsten des Bildhauers Johann Heinrich Dannecker geprägt. Das Porträt des Jugendfreundes hat Dannecker über Jahrzehnte immer wieder beschäftigt. Eine nach Schillers Tod entstandene kolossale Hermenbüste aus carrarischem Marmor war prominent in seinem Atelier platziert. Im Alter hat Dannecker in einem, wie es heißt, Zustand geistiger Umnachtung den Marmor verstümmelt, indem er die apollinische Lockenpracht, mit der die Schillerfigur ausgestattet war, zur Hälfte abschlug. Man habe ihm die Büste wegnehmen müssen, um Schlimmeres zu verhindern, ging die Legende in Stuttgart. Dannecker selbst sah dies offenbar mit mehr Humor und verschenkte Abschläge der Schillerlocken an Besucher. Der Marmorkringel zählt zum Fundus der Dichterreliquien des Schiller-Nationalmuseums in Marbach, das unter anderem Schillers Hut, ein Stirnband, drei Westen, zwei Hosen, zwei Paar Socken, sieben Schuhschnallen, Fingerringe, Handwärmer, Broschen, Zahnstocher, Schlafrockknopf, Taschenuhr, Löffel,  Spazierstock und zahlreiche (echte) Haarlocken des Dichters in seinem Bestand verwahrt. Haarreliquien Schillers waren offenbar so sehr begehrt, dass man die Echtheit solcher  Memorabilien aus dem Familienkreis mit Brief und Siegel zertifizierte. Vielleicht ist Danneckers Lockengabe sogar als ironische Anspielung auf solche Praktiken zu verstehen. In jedem Fall hat sich die antike Frisur von Danneckers Schillerbüsten als wirkungsmächtig erwiesen, indem deren Schillerlocken zwei viktualischen Spezialitäten den Namen gab: einer Räucherfischzubereitung und einem Blätterteiggebäck.

Schiller und das Nachleben des Dichters sind ab Mitte November wieder Thema der Dauerausstellung des Schiller-Nationalmuseums – freilich nur eines von vielen. Nach mehrjährigen Sanierungsarbeiten an dem 1903 errichten Museumsgebäude über dem Neckartal ist die ständige Ausstellung zur Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts mit neuer Konzeption für das Publikum geöffnet. Im Schiller-Saal, der künftig auch als Veranstaltungsraum genutzt wird, kann man sich Schiller in fünf Etappen nähern. "Schillers Bilder" zeigt mehr als 50 Porträts des Dichters, die das Marbacher Archiv verwahrt, samt memorialem Beiwerk wie eben Danneckers steinerne Locke.


<November 2009>
 
 

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