
"Die Methode, die Kinder vermittelst Gängelbänder und Gängelwagen gehen zu lehren ist höchst verwerflich." Apodiktisch verurteilt der Berliner Arzt und Lexikograph Johann Georg Krünitz (1728-1796) in seiner Oeconomischen Encyclopädie ein zu seiner Zeit gebräuchliches Verfahren, Kindern das Gehen beizubringen. Er führt in erster Linie medizinische Gründe an; doch die Verabscheuung der Laufzügel ist moralischer Natur, denn der aufrechte Gang ist für die Aufklärung ein Zeichen der Menschenwürde, das vom Kleinkind mit viel Mühe erworben wird und deshalb nicht nur pädagogische Sorgfalt sondern auch erzieherischen Respekt erfordert.
Kindgerechte Erziehung ist wie die moderne Pädagogik selbst eine Idee der Aufklärung. Kindheit wird seither als eigenständiger Lebensabschnitt wahrgenommen, während zuvor Kinder als kleine Erwachsene betrachtet und behandelt wurden. Frühkindliche Unbeholfenheit war dementsprechend ein Misstand, den es möglichst zügig zu beheben galt. Neben Laufkorb, Laufstuhl oder auch Fallhaube wurden seit dem 16. Jahrhundert zunehmend auch Gängelbänder als Gehhilfe eingesetzt, die in der Regel direkt am Kinderkleid befestigt waren. Im Ludwigsburger Modemuseum, in dem die umfangreichen Textilbestände des Landesmuseum Württemberg ausgestellt sind, hat sich ein elegantes und aufwändig gearbeitetes Exemplar erhalten, bei dem die Bänder mit einer Art Brustgürtel verbunden sind, der wie ein Schnürmieder über der Kleidung angelegt wurde und mit seinem steifen Lederkern an ein regelrechtes Laufgeschirr erinnert.
Ein Kostümbild aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts zeigt wie ein solches Gängelband benutzt worden ist. Das nur wenige Jahrzehnte später entstandene Gemälde von Philipp Otto Runge (1777-1810) liefert den Gegenentwurf: ein Plädoyer für die freie natürliche Entfaltung des Kindes. Der moralische Impetus der Kritik am Gängelband wirkt im Sprachgebrauch bis heute nach: Jemanden "am Gängelband führen" wird umstandslos als bildhafter Ausdruck für Schikane verstanden. 