Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Hl. Kümmernis

Hl. Kümmernis
Hl. Kümmernis (Wilgefortis, Ontcommer)
Bodensee, Ende 17. Jh.

Lindenholz, farbig gefasst

H 74 cm, B. 33 cm

Überlingen, Städtisches Museum

Eine Christusfigur im gegürteten Gewand am Kreuz, umfangen von einem nimbusartigen Goldreif mit Lilienornament: Das ikonografische Vorbild für diese Figur ist der sog. Volto Santo (Heiliges Antlitz), ein monumentales Kruzifix im Dom San Martino in Lucca, das im Hochmittelalter als Gnadenbild hohes Ansehen genoss und dessen Kult durch Kaufleute und Rompilger auch nördlich der Alpen bekannt wurde. Die Wunderkraft des Volto Santo wurde gezielt durch Legendenbildung verbreitet; die bekannteste wurde bald Teil der bildlichen Darstellung: Die Figur ist häufig, so wie bei unserer Skulptur, mit einem Schuh bekleidet. Die entsprechende Legende erzählt die Geschichte eines armen Spielmanns, der vor dem Gnadenbild musiziert hatte und dem zum Dank einer der silbernen Schuhe der Christusfigur in den Schoß gefallen war.
 
Die Überfühtung des Volto Santo nach Lucca. Fresco von Amico Aspertini, 1508/09















Als im späten Mittelalter das religiöse Interesse am Volto Santo nachließ, wurde die Auffassung des Bildes von einer anderen Heiligenlegende überlagert, die sich im 14. Jahrhundert in den Niederlanden gebildet hatte: Darstellungen des Volto Santo wurden nun immer häufiger als Bildnis der Hl. Kümmernis verstanden und vor allem im süddeutschen Raum, in Österreich und Südtirol im Rahmen der aufblühenden Volksfrömmigkeit verehrt. Das eigentümliche Erscheinungsbild des Volto Santo fand seine Erklärung in der Legende vom Martyrium der Hl. Kümmernis: Die Tochter eines heidnischen Königs hatte beschlossen ihr Leben der Nachfolge Christi zu weihen. Als ihr Vater sie verheiraten wollte, betete sie zu Maria um einen männlichen Bart, der ihr auf wundersame Weise gewährt wurde. Der König soll darüber so erbost gewesen sein, dass er seine Tochter den Kreuzestod sterben ließ. Die Spielmannslegende um die Wunderwirkung des Volto Santo wurde kurzerhand auf die Hl. Kümmernis übertragen.
 
Wie in unserem Falle ist die Hl. Kümmernis in der Regel ohne die Christus vorbehaltenen Passionswerkzeuge (Arma Christi) und dem entsprechend ohne die charakteristischen Wundmale dargestellt; man vermied es auf diese Weise ein heikles theologisches Problem zu strapazieren. Die hier gezeigte Skulptur gehört zum Bestand des Städtischen Museums in Überlingen. Das Museum ist in einem bemerkenswerten Patrizierhaus mit prächtigem Seeblick untergebracht, das der Arzt und Humanist Andreas Reichlin von Meldegg um 1460 nach italienischem Vorbild errichten ließ. Die Hl. Kümmernis gehörte offenbar zur Altarausstattung der Hauskapelle, die im Zuge größerer Umbauarbeiten am Ende des 17. Jahrhunderts neu eingerichtet worden war.

Literatur Gustav Schnürer und Joseph M. Ritz: Sankt Kümmernis und Volto Santo. Düsseldorf 1934. - Herbert Kurz: Der Volto Santo von Lucca. Regensburg 1997. – Regine Schweizer-Vüllers: Die Heilige am Kreuz. Bern u.a. 21999.
 
 

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