
Das Ifá-Orakel ist in der Religion der westafrikanischen Yoruba-Völker ein zentrales religiöses und kulturelles Instrument der Lebensbewältigung und zugleich ein wichtiges Medium für das kulturelle Gedächtnis der oralen Kultur der Yoruba. Die UNESCO führt das Orakel, das auch in vielen modernen afro-amerikanischen Kulten (Voodoo zum Beispiel) eine Rolle spielt, seit 2005 untern den Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit.
Zu den beeindruckendsten Zeugnissen dieser kultischen Zeremonie zählt das Divinationsbrett des Ulmer Museums: Es handelt sich um den ältesten Kultgegenstand dieser Art, der aus Schwarzafrika überliefert ist. In Ulm befindet sich das Objekt nachweislich seit 350 Jahren: 1659 ist es als Bestandteil der Kunst- und Naturalkammer des Ulmer Kaufmanns Christoph Weikmann (1617-1681) erstmals publiziert worden. Unter Frembde/Kunst= und Curiose Sachen ist das Brett im Exoticophylacium Weickmannianum zusammen mit 20 weiteren Stücken aus Westafrika verzeichnet, darunter einzigartige Textilien, die das Weikmannsche Kunstkabinett im Ulmer Museum heute zu einer ethnographischen Sammlung von internationalem Rang machen.
Schon zu Lebzeiten des Sammlers genoss das Ulmer Kunstkabinett einen legendären Ruf. Der erfolgreiche Kaufmann konnte für den Erwerb exotischer Stücke seine ausgedehnten Handelsbeziehungen nutzen. Die westafrikanischen Ethnographica hat Weickmann möglicherweise von Johann Abraham Haintzel erstehen können, einem Augsburger Patrizier, der in den 1650er Jahren an Bord schwedischer Schiffe mehrfach die sog. Goldküste am Golf von Guinea angelaufen hatte; vielleicht auch durch Kontakte mit Jos Kramer aus Lindau am Bodensee, der 1556/57 Vizekommandant der Schwedisch Afrikanischen Handelskompanie war, die an der Goldküste im heutigen Ghana einen Stützpunkt unterhielt.
Gebrauchsspuren belegen, dass das Ulmer Orakelbrett tatsächlich benutzt worden ist. Sie rühren vom Auswerfen ritueller Gegenstände her und von Schlegeln oder Stäben, mit denen im Verlauf der Zeremonien auf das Brett geschlagen wurde. Auffällig im Vergleich zu anderen Brettern die aufwendige Gestaltung des Ulmer Stücks (von erhabenen wunderseltzamen und abschewlichen Teufelsbildern geschnitten). Weickmann führt diesen Umstand in seinem Katalog auf den prominenten Vorbesitzer zurück, den König zu Haardez (nach frz. Ardez), heute eine Stadt (Allada) im Süden der Republik Benin.
Literatur Adam Jones: A Collection of African Art in Seventeenth-Century Germany. Christoph Weikmann’s Kunst- und Naturkammer, in: African Arts 27 (1994) Heft 2, S. 28-43, 92-94 und Monika Firla/Hermann Forkl: Afrikaner und Africana am württembergischen Hof, in: Tribus 44 (1995), S. 149-193.
<März 2009>