Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Neigungswaage

Neigungswaage nach Hahn
Gottfried Hahn (1749 -1827): Neigungswaage
nach der Konzeption von Philipp Matthäus Hahn
Ludwigsburg, Ende 18. Jh.
Schmiedeeisen, Eisenblech
B 57 cm, H 51,3 cm (ohne Waagschalen und Gewicht)
Balingen, Museum für Waage und Gewicht

Als der Mechanikerpfarrer Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) begann, sich mit der Konstruktion eines neuartigen Waagentyps zu beschäftigen, war die Wägetechnik noch auf dem Stand des Mittelalters. Auf das physikalische Prinzip der Pendel-Quadranten-Waage stieß Hahn vermutlich um 1760 im Verbindung mit Plänen zum Bau eines Perpetuum mobiles. Seinem Tagebuch zufolge entstand die Idee für eine bequeme Hauswaage – die Bezeichnung Neigungswaage gab es noch nicht – im Jahr 1763. Die erste tatsächlich gebaute und gut funktionierende Neigungswaage ist für das Jahr 1767 in Balingen nachgewiesen. Sie war noch überwiegend aus Holz gefertigt. 1769 wurde die Waage erstmals in Schmiedeeisenausführung hergestellt.

In den Jahren 1764 bis 1770 war Hahn als Pfarrer in Onstmettingen, heute ein Stadtteil von Albstadt, tätig. Seine technischen Studien und mechanischen Erfindungen beeinflussten die wirtschaftliche Entwicklung der Region nachhaltig. Aufgrund der Hahn’schen Impulse und Anregungen entstand im heutigen Zollernalbkreis zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ein Zentrum der Feinwerk- und Präzisionstechnik, das diesen Raum wirtschaftlich bis heute prägt. Der Aufbau von Hahns Neigungswaage wurde bald von vielen Waagenherstellern adaptiert.

Auch Philipp Matthäus Hahns Bruder Gottfried (1749 -1827), als Uhrmachermeister in Ludwigsburg tätig, fertigte solche Neigungswaagen für den Hausgebrauch. Das hier vorgestellte Stück mit geschlossenem Quadranten und geradem Waagebalken ist auf der viertelkreisförmigen Wägeskala signiert: fec: Gottfried Hahn / Mechan: in Ludwigsburg. Da Gottfried Hahn erst ab 1789 in Ludwigsburg tätig war, ergibt sich aus der Signatur eine unter Grenze für das Entstehungsdatum.

Die Neigungswaage misst das Gewicht im Gegensatz zur Balkenwaage nicht durch Kompensation mit einer anderen Masse, sondern über die Pendelauslenkung, die das Ablesen auf einer Skala ermöglicht. Was den Gesamtwägebereich (von etwa 2 Gramm bis rund 25 Kilogramm) betrifft, ist die Hahn’sche Neigungswaage auch von heutigen Haushaltswaagen kaum zu überbieten. Die Skala weist folgende Wägebereiche auf: 1. von 0 - 24,3 kg, 2. von 0 - 6,5 kg, 3. von 0 - 2,3 kg und 4. von 0 - 87,6 g. Für die verschiedenen Bereiche wird die Waagschale einfach am Waagbalken umgehängt.

Nur eine Handvoll Hahn’scher Neigungswaagen hat sich im Originalzustand bis heute erhalten. Mit vollständiger Wägeskala dürfte das vorgestellte Exemplar einzigartig sein: Abgesehen von den Waagschalen und dem Hängegewicht zeigt es den ursprünglichen, unrestaurierten Zustand. Durch puren Zufall hatte eine Berliner Kunsthandlung die Waage im Jahr 2002 in die Hände bekommen und sie – ohne deren historische Bedeutung genauer zu kennen – dem Museum für Waage und Gewicht angeboten. Für die Museumsleitung war sofort eines klar: Diese Waage muss nach Balingen. Denn hier wurde die „Ur-Neigungswaage“ gebaut. Martin Sauter, Geschäftsführer der in Balingen ansässigen Präzisionswaagenfabik Gottlieb Kern & Sohn, der ältesten Präzisionswaagenfabrik Europas, erwarb das äußerst wertvolle Stück und stellte es dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Übergabe erfolgte im Jahr 2005 aus Anlass der 750-Jahr-Feier der Stadt Balingen.

Literatur  Hans R. Jenemann: Die wägetechnischen Arbeiten von Ph. M. H., in: Philipp Matthäus Hahn 1739 – 1790. Pfarrer, Astronom, Ingenieur, Unternehmer. Ausstellungskatalog des Württembergischen Landesmuseums, 2 Bde., Stuttgart 1989, Bd.2, Seite 479-499

<Januar 2009>
 
 

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