Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Herbarium

Herbarium
Fotos Stadtarchiv Ulm

Hieronymus Harder (ca. 1523-1607) Herbarium mit 746 gepressten Pflanzen 1594
Folioband (H 34 cm) mit 204 Blättern, aufgeschlagen fol. 165
Beschr.: „Brionia nigra. Schwarz Stickwurz/Brionia alba Weyß Stickwurz“
Ulm, Stadtarchiv, Bestand H.b.4

Kreuterbuch darinn 746 laebendiger begriffen und eingefasst seind ... Geordnet durch Hieronymum Harderum Simplicistem zu Ulm. Anno 1594, heißt es auf dem Titelblatt des Folianten, von dem oben eine Doppelseite zu sehen ist. Das systematische Sammeln von getrockneten und gepressten Pflanzen dient der Dokumentation und Identifizierung der einzelnen Arten. Bis ins 16. Jahrhundert wurde die Botanik als Teilgebiet der Medizin praktiziert. Die enge Verbindung zwischen Pflanzenkunde und Heilmittellehre dokumentiert nicht zuletzt die Besitzergeschichte des Harderschen Herbariums, das sich nacheinander im Besitz mehrerer Ärzte befand.

Die Pflanzen der hier gezeigten Doppelseite sind als Brionia nigra und alba bezeichnet, zu deutsch Schwarzer und Weißer Stickwurz. Nach der durch Carl von Linné (1707-1778) entwickelten botanischen Nomenklatur handelt es sich indessen um zwei Pflanzen aus unterschiedlichen Familien, nämlich um Tamus communis L., den Schmerwurz aus der Familie der Yamswurzgewächse und um Bryonia alba L., die Schwarzfrüchtige Zaunrübe aus der Familie der Kürbisgewächse. Pharmakologisch wirksam ist jeweils die Pflanzenwurzel; deshalb sind diese in beiden Fällen im Herbarium zeichnerisch ergänzt. In der Volksmedizin wurde aus dem Schmerwurz ein Einreibemittel gegen Rheumatismus bereitet. Die Zaunrübe, auch Gichtrübe oder Scheißwurz genannt, wurde äußerlich gegen Polyarthritis angewendet oder als – allerdings rabiates - Abführmittel eingenommen. Beides sind wichtige Pflanzenwirkstoffe in der Homöopathie.

Hieronymus Harder war ab 1561 zunächst in Geislingen, später in Bad Überkingen als Schulmeister tätig. 1578 erhielt er eine Stelle als Präzeptor der ersten Klasse der Lateinschule in Ulm, die er bis zu seinem Tode bekleidete. Neben dem Lehrerberuf beschäftigte sich Harder intensiv mit Botanik. Als Pflanzensammler zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee unterwegs, hat er im Verlauf seines Leben insgesamt zwölf solcher Herbarien angelegt, davon sind elf erhalten. Sie gehören zu den frühesten Pflanzensammlungen dieser Art überhaupt und sind deshalb heute auch von ökologischer Bedeutung. Das im Ulmer Stadtarchiv aufbewahrte Harder-Herbarium ist mit 746 eingelegten Pflanzen, die sich 699 Spezies zuordnen lassen, außerordentlich reich ausgestattet. Neben zahlreichen wild wachsenden Blütenpflanzen enthält es auch Sporenpflanzen wie Farne und Schachtelhalme, ebenso einige Kulturpflanzen aus Feld und Garten und sogar erst kurz zuvor in Europa eingeführte amerikanische Arten, beispielsweise Tomate und Tabak.

Dieses natur- wie kulturgeschichtlich bedeutsames Dokument ist noch bis zum 16. Juni Gegenstand einer sehenswerten Ausstellung im historischen Gewölbesaal des Schwörhauses (Weinhof 12), wo das Ulmer Stadtarchiv seit dem vergangenen Jahr über eigene Schauräume verfügt: Gepresste Natur. Das Ulmer Herbarium des Hieronymus Harder.


Literatur Albert Haug: Das Ulmer Herbarium des Hieronymus Harder, in: Mitteilungen des Vereins für Mathematik und Naturwissenschaften in Ulm a.D. 16 (1915), Sia bzw. eite 38-92. – Wolfgang Schneider: Pflanzliche Drogen. Sachwörterbuch zur Geschichte der pharmazeutischen Botanik. Frankfurt a.M. 1974 (Lexikon zur Arzneigeschichte, Bd. V).


<Mai 2008>
 
 

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