Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Kindermarkt in Friedrichshafen

Huetekinder
Peter Scherer (1891–1922) Hütekinder in der Vorderen Gasse 1909 (?)
Glasplattennegativ, H 13 cm, B 18 cm
Ravensburg, Sammlung Thomas Weiß

Vor hundert Jahren, am 10. April 1908, erschien in einer deutschsprachigen Tageszeitung in Cincinnati/Ohio unter der Überschrift Kinder-Markt ein Artikel, der in den Vereinigten Staaten Aufsehen erregte und in der Folge zu diplomatischen Demarchen führte:

Friedrichshafen, Württemberg, 9. April. – Die Abhaltung des Kindermarktes am 31. März – eine mehr als hundert Jahre alte Einrichtung – hat diesmal in den Grenzprovinzen von Oesterreich, der Schweiz und Deutschland einen ungewöhnlichen Sturm der Entrüstung erregt und viele Zeitungen, die darauf hinweisen, daß die Kinder thatsächlich, wenn auch nur temporär, in die Sklaverei verkauft würden, erklären, daß es jetzt ein und für alle Mal an der Zeit sei, diesem Unfug ein Ende zu machen.
Auf dem Marktplatz von Friedrichshafen werden alljährlich 300 bis 400 Knaben und Mädchen, im Alter von 11 bis 14 Jahren stehend, und die aus den Landdistrikten in Tyrol und Vorarlberg kommen, für sieben Monate, d. i. vom 1. April bis Ende Oktober, ’ausgedungen’ und zwar an Bauern im südlichen Bayern, Württemberg und Baden.
Auf die Wünsche der Kinder wird dabei sehr wenig Rücksicht genommen, und die meisten werden gegen ihren Willen ausgedungen, um Geld in die Taschen ihrer Eltern zu bringen.
Die Kinder kommen, in der Regel in Begleitung ihrer Eltern, am Kindermarkttag in Friedrichshafen an. Hier werden sie in Reihen auf dem Marktplatz zur Besichtigung aufgestellt und die Bauern betrachten sie, befühlen die Muskeln ihrer Arme und Beine und besprechen in lauter Weise die Vorzüge und die Mängel der Kleinen. Diese Inspektion dauert den ganzen Tag. [...]
Den ersten glücklichen Tag erleben die Kinder am 28. Oktober, dem „Pack-Tag“, an dem die Kleinen, nachdem sie ihre Zeit abgedient haben, ihre wenige Habe zusammenpacken, um sich dann zu Fuß nach Friedrichshafen zu begeben, wo sie sich im Hauptquartier der Kinderschutzgesellschaft versammeln, von wo aus sie nach Hause geschickt werden. Im nächsten Jahre werden sie vielleicht aufs Neue in die Knechtschaft verkauft werden.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Fotograf Peter Scherer durch den vom Täglichen Cincinnatier Volksblatt ausgelösten Presseskandal im Folgejahr die Ankunft der Schwabenkinder in Friedrichshafen mit der Plattenkamera festgehalten hat. Zwei Aufnahmen Scherers haben sich erhalten: Die eine zeigt das Schiff, das die Hütekinder unter der Aufsicht des Vereins zum Wohle der auswandernden Schwabenkinder seit Mitte der 1890er Jahre im Frühjahr von Bregenz nach Friedrichshafen über den Bodensee brachte. Die andere, hier vorgestellte Aufnahme ist in Hafennähe vor dem Haus Nr. 90 in der Vorderen Gasse (Karlsstraße) entstanden.

Katholische Geistliche und Gemeindevorsteher hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert versucht, den jährlichen Zug der Kinder zu organisieren, um die schlimmsten Nöte und Missstände dieses Sklavenhandels abzumildern, den auch der von nordamerikanischen Zeitungen ausgelöste Presseskandal nicht zu unterbinden vermochte. Mit dem Ersten Weltkrieg kam das Schwabengehen vorübergehend zum Erliegen. Aber erst als 1921 ein bilaterales Abkommen der Schulpflicht österreichischer Kinder durch auch in Württemberg   Geltung verschaffte, entfiel der wirtschaftliche Anreiz zur Beschäftigung der minderjährigen Arbeitkräfte aus den Alpenländern.

Das Schicksal der Hütekinder ist durch die preisgekrönte Verfilmung eines Romans vom Elmar Bereuter vor einigen Jahren neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Im Rahmen eines EU-Projektes will sich ein Länder übergreifender Museumsverbund in nächster Zeit mit dem Thema Schwabenkinder neu befassen.


Literatur Otto Uhlig: Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg. 4. Aufl., Innsbruck 2003 (Tiroler Wirtschaftsstudien, Bd. 34)

April 2008
 
 

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