
In drei expressiven Szenen sind die Umrisse eines tanzenden Paares festgehalten. Es handelt sich um Scherenschnitte der Filmpionierin Lotte Reiniger (1899-1981), deren Nachlass im Tübinger Stadtmuseum verwahrt wird. Die Beschriftung auf dem Trägerpapier verrät den thematischen Bezug, den Ort und die Zeit der Entstehung der Silhouetten: 1919 hatte der Tänzer Erik Charell (1894-1974) eine Ballett-Truppe gegründet, zu deren ersten Inszenierungen offenbar eine Adaption des Streichquartetts Nr. 14 in d-Moll Der Tod und das Mädchen von Franz Schubert (1797-1828) gehörte. Seinen Namen verdankt das 1824 entstandene Quartett dem Thema des zweiten Satzes, welches einem Lied entstammt, das Schubert 1817 nach einem Gedicht von Matthias Claudius (1740-1815) komponiert hat.
Vorüber! ach, vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh, Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild,
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen.
Das Gedicht thematisiert die Ambivalenz von Todesfurcht und Todessehnsucht, und es leuchtet unmittelbar ein, dass dieses Thema zu tänzerischem Ausdruck reizt. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind die große Zeit des expressiven Ausdruckstanzes in Deutschland, der als German Dance bekannt wurde und als Modern Dance längst etabliert ist. Die Scherenschnitte von Lotte Reiniger, die in diesen Jahren wie Erik Charell zum Umfeld des berühmten Berliner Theaterunternehmers Max Reinhardt (1873-1943) zählte, dessen Schauspielschule sie während des Krieges besucht hatte, sind ein originäres expressionistisches Zeugnis dieser neuen Bewegung. Lotte Reiniger hat noch im gleichen Jahr – 1919 - Ihren ersten Animationsfilm fertig gestellt, der ebenfalls mit den Möglichkeiten tänzerischen Ausdrucks befasst. Erik Charell, der im Berlin der „Goldenen Zwanziger Jahre“ mit großem Erfolg Musikrevuen produziert hatte, wurde mit dem Film Der Kongress tanzt populär, den er 1931, am Beginn der Tonfilmära, für die UFA inszeniert hat.
In Berlin geboren, hat Lotte Reiniger seit Mitte der Dreißigerjahre den größten Teil ihres Lebens in London verbracht und in den Sechzigern die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Eher durch Zufall verschlug es sie in Ihrem letzten Lebensjahr in der schwäbischen Provinz. Während eines Besuchs bei Freunden in Tübingen hatte Lotte Reiniger in den Sechzigern Helga und Alfred Happ kennen gelernt, zwei passionierte Puppenspieler, ein Metier, das auch Lotte Reiniger intensiv beschäftigte. Alfred Happ war im Hauptberuf Pfarrer in Dettenhausen, und im dortigen Pfarrhaus fand die Londoner Künstlerin 1980 Zuflucht und Aufnahme. Wenige Jahre nach ihrem Tod ging ihr Nachlass an das Tübinger Stadtmuseum. Ergänzt um einen bedeutenden Ankauf besitzt das Museum inzwischen alle wesentlichen Teile des Gesamtnachlasses. Dieser enthält neben vielen persönlichen Dingen umfangreiches Material zu den drei Arbeitsschwerpunkten: Scherenschnitt, Schattentheater und Silhouettenfilm.
Bislang war nur ein kleiner Teil dieses Nachlasses in Tübingen zu sehen. Nun ist der Bestand neu gesichtet, inventarisiert und auch – unterstützt durch Fördermittel des Landes – zu großen Teilen restauriert. Die jüngsten Forschungen sind in die am 7. März eröffnete neue Dauerausstellung Die Welt in Licht und Schatten. Lotte Reiniger, Scherenschnitt, Schattentheater, Silhouettenfilm eingeflossen. Ein Besuch lohnt sich!