Mikroskop für Gehirnschnitte mit Transportkasten, 1899
Carl Zeiss Werke, Jena
Holz, Stahl, Messing, Glas, Nickel, Lack
Bez. auf dem Tubus „Carl Zeiss/Jena./No. 31768“
Hohenfels-Liggersdorf, Korbinian-Brodmann-Museum
Der Arzt Korbinian Brodmann (1868-1918) ist ein Pionier auf dem Gebiet der Neuroanatomie. Brodmanns Geburtsort Liggersdorf, heute ein Teilort der Gemeinde Hohenfels im Kreis Konstanz, gibt es ein sehr informatives Gedenkzimmer für den Mediziner. Hermann Strohmaier, der langjährige Schulleiter der Korbinian Brodmann Grundschule am Ort, hat vielfältige Quellen und Materialien zu Brodmanns Leben und Werk zusammengetragen. Auf das hier vorgestellte Mikroskop ist Strohmaier vor einigen Jahren durch Zufall aufmerksam geworden. Ein Liebhaber hatte das Instrument 1994 bei einem Trödler in Hessen erstanden und über das Firmenarchiv von Zeiss in Jena erfahren, dass es sich hierbei um eine spezielle Modifikation des Zeiss’schen Forschungsmikroskops handelt, ausgerüstet mit weitem Tubus für einen dreifachen Objektivrevolver und Feintrieb (Mikrometerbewegung)nach M. Berger. Der ausladende Tisch war zur Aufnahme von Gehirnschnitten beziehungsweise von Schnitten ganzer Organe ausgelegt. Ausgeliefert wurde das Mikroskop am 29. März 1899 an Oskar Vogt (1870-1959) in Berlin.
Zufälliger Weise hatte sich kurz zuvor Hermann Strohmaier bei Zeiss in Jena nach dem Verbleib einer solchen Spezialanfertigung erkundigt, ohne dass man ihm weiterhelfen konnte. Nun konnte das Archiv den Käufer des Mikroskops auf auf die Brodmanngedenkstätte am Bodensee hinweisen. Ein kurzer Briefkontakt blieb jedoch alles, was sich hieraus ergab, bis sich der Eigner im Jahre 2003 erneut in Hohenfels meldete und das – inzwischen restaurierte - Mikroskop nun zum Kauf anbot. Ein Spendenaufruf im Hohenfelser Boten brachte die notwendige Summe innerhalb weniger Tage zusammen und Strohmeier konnte nach Westfalen reisen, um das Instrument in der originalen Transportkiste in Empfang zu nehmen. Durch puren Zufall also ist die Gedenkstätte in den Besitz der zweifellos von Brodmann selbst gebrauchten Apparatur gekommen.

Im Berliner Institut: Oskar Vogt (Bildmitte), Brodmann (re.) am Mikroskop


Der junge Mediziner hatte um die Jahrhundertwende unter anderem an der Städtischen Nervenklinik in Frankfurt am Main gearbeitet und war dort mit Alois Alzheimer (1864-1915) zusammengetroffen, der ihn ermutigte, sich mit neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung zu beschäftigen. Infolge dieser Anregung ging Brodmann 1901 zu Oskar Vogt nach Berlin, aus dessen privater Forschungsanstalt 1902 das Neurobiologische Laboratorium der Universität und 1915 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung hervorging. Brodmanns Habilitationsschrift, Grundlage für die später nach ihm benannte Einteilung der Großhirnrinde in Felder, wurde von der Berliner Fakultät abgelehnt. Deshalb wechselte Brodmann nach Tübingen, wo er sich habilitieren konnte und 1913 Professor wurde (heute Institut für Hirnforschung im Korbinian Brodmann Haus). Für seine Arbeit in Tübingen hat Brodmann bei Zeiss offenbar ein weiteres Mikroskop zur Untersuchung von Gehirnschnitten bezogen, das in dieser Ausführung nur auf Bestellung gefertigt worden ist. Jedenfalls verzeichnet das Archiv von Carl Zeiss Jena am 27.01.1911 die Auslieferung an die Universitätsstadt am Neckar, wo Brodmann seit 1910 an der Universitätsnervenklinik tätig war. Auch dieses Exemplar ist erhalten.
Nach dem Tode von Brodmanns Tochter im Jahre 2004 hat die Gemeinde weitere Gegenstände aus dem Nachlass erhalten. Über die gesammelten Schriften und Dokumente gibt es eine umfangreiche Dissertation von Dr. med. Markus Fix. Das kleine Museum wird in nächster Zeit einen neuen Standort im Rathaus von Liggersdorf erhalten.
November 2007