Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Ennetacher Retabel, 1496

Ennetacher Retabel

Doppelflügelpaare vom ehemaligen Hochaltar der Pfarrkirche St. Cornelius und Cyprian in Mengen-Ennetach (Lkr. Sigmaringen) von Jörg Stocker (* um 1461; † nach 1527)

Mischtechnik auf Holz, gravierter Goldgrund
Datiert und signiert: Joerg Stocker Maler hat dise Tafel vfgesezt/uf St. Johanstag im Svmer 1496

Sigmaringen, Fürstlich-Hohenzollernschen Sammlungen, erworben 1826

1491 wurde die Pfarrkirche in Ennetach durch ein Feuer verwüstet. Über der Brandruine entstand bald ein gotischer Neubau. Die Ausstattung der neuen Kirche bezog man aus Ulm, dem Zentrum der spätgotischen Bildschnitzerkunst in Schwaben. Jörg Syrlin d. J. (*um 1455, † 1521) fertigte das bis heute vor Ort erhaltene Chorgestühl und einen Hochaltar nach dem Vorbild des 1493 von dem Ulmer Unternehmer an das Kloster Blaubeuren ausgelieferten Flügelaltars. Der Kastenschrein mit den Heiligenfiguren aus der Schnitzerwerkstatt von Niklaus Weckmann und den Standflügeln von Jörg Stocker ist bereits im 17. Jahrhundert abgebaut worden. Die Altaraufbauten wurden damals vermutlich vernichtet, während die Schreinfiguren und die Gemäldetafeln erhalten geblieben sind: die Figuren bis heute vor Ort, während die Gemälde über Umwege 1826 in die fürstlich-hohenzollernschen Sammlungen in Sigmaringen gelangten. Die monumentalen Bildtafeln zeigen die Kreuztragung (Außenseiten) sowie die Verkündigung, die Geburt Christi, die Darbringung im Tempel (Beschneidung) und die Anbetung der Könige.

Die Altartafeln aus Ennetach sind das einzige durch Inschrift gesicherte Werk der Stocker-Werkstatt, die lange Zeit nicht zur ersten Garde der Ulmer Malerei um 1500 gezählt wurde. Umso wichtiger erschien deshalb die Tatsache, dass der junge Martin Schaffner (* um 1478, † nach 1546) an diesem Altar erstmals durch eine eigne Signatur in Erscheinung tritt und so seine Mitarbeit an dem Retabel bezeugt. Inzwischen hat sich diese Sicht durch die Forschungen von Daniela Gräfin von Pfeil relativiert. Jörg Stocker wird zwar in Ulmer Schriftquellen regelmäßig erwähnt , aber über seine Malerwerkstatt ist bislang nur wenig bekannt. Seit wenigen Wochen nun erstrahlt das Ennetacher Altarwerk seit der Wiedereröffnung des Schlossmuseums in neuem musealem Glanz. Das allein schon könnte motivieren, die Spur dieser lange verkannten Werkstatt aufzunehmen und weiter zu verfolgen.

Das Museum im Sigmaringer Schloss (und die hier bewahrte Sammlung) repräsentiert selbst ein Stück Landesgeschichte. Der in den 1860er Jahren ursprünglich als Bibliothek geplante Bau wurde durch den Ausbau der fürstlichen Kunstsammlungen noch vor der Fertigstellung zum Museum umfunktioniert und durch eine entsprechende künstlerische Ausstattung für den neuen Zweck „nobilitiert“. In den vergangenen Jahren ist das Sigmaringer Schlossmuseum einer aufwendigen Sanierung unterzogen worden. Die Restaurierung des 140 Jahre alten Gebäudes wurde nötig, weil sich Feuchtigkeit im Mauerwerk festgesetzt hatte. "Ziel war es, das Kunstmuseum wieder in seinen Originalzustand zu versetzen" erklärt der Kustos Peter Kempf, schließlich beherbergt das 1867 eröffnete Museum nicht nur wertvolle Werke schwäbischer Maler, Bildhauer und Kunstschmiede des 15. und 16. Jahrhundert, sondern es gilt aufgrund seiner Architektur und Ausstattung selbst als erstrangiges Kunstwerk. Große Teile der bedeutenden Sammlung altdeutscher Gemälde, die das Fürstenhaus im 19. Jahrhundert aufgebaut hatte, musste in den 1920er Jahren aus wirtschaftlichen Zwängen verkauft werden. Der Ennetacher Altar war davon zum Glück nicht betroffen, so dass er heute den Blickfang des Sigmaringer Museums bilden kann.


Lit.: Daniela Gräfin von Pfeil: Jörg Stocker – ein verkannter Maler aus Ulm, in: Meisterwerke massenhaft. Die Bildhauerwerkstatt des Nikolaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500. Kat. Ausst. Württ. Landesmuseum, Stuttgart 1993, S.199-209.


Juli 2007
 
 

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