
Eine Jacke, aus grobem grauen Leinen, wie es für Anstaltskleidung verwendet wurde, ist über und über mit farbigem Garn bestickt. Kragen und Schulter sind mit braunem Stoff abgesetzt. Das Kleidungsstück ist Innen wie Außen mit Buchstaben übersät, die sich zu einer schwer lesbaren Schrift verbinden. An einigen Stellen sind Wörter und Satzfetzen zu entziffern: Meine Jacke und durch meine weißen Strümpfe / meine Strümpfe sein 11 oder Mein Kleid, meine Jacke ist, Ich bin nicht in den und Ich bin in Hubertusburg / Parterre, darunter so etwas wie eine Signatur und Datierung: 95 A. D. / A. I. B. An die Jacke geheftet findet sich ein Schildchen, wohl von einem Arzt beschriftet: Nähte in alle Wäsche und Kleidungstücke Erinnerungen aus ihrem Leben. Agnes Emma Richter wächst mit drei Geschwistern bei der Mutter auf. Sie arbeitet als Hausmädchen, zunächst in Dresden, dann für mehrere Jahre in Amerika. Mit guten Ersparnissen kommt sie 1888 nach Dresden zurück, wo sie zuletzt als Näherin arbeitet. Die allein stehende Frau fühlt sich bedroht und fürchtet um ihr Geld. Mehrfach ruft sie deshalb die Polizei zu Hilfe. 1893 wird sie in eine Anstalt eingewiesen, weil die durch eine Wirbelsäulendeformierung „mißgestaltete“ Frau für sich selbst und andere eine Gefahr darstelle, wie es zur Begründung in der erst kürzlich aufgefundenen Krankenakte heißt. Die verbleibenden 25 Jahre ihres Lebens verbringt Agnes Richter in Heilanstalten, die meiste Zeit davon in Hubertusburg.
Die gestickten Buchstaben und Wortfolgen auf dem schmalschultrigen Jäckchen fügen sich nicht zu einer identifizierbaren Geschichte, aber klar scheint: hier wurde ein handgearbeitetes Kleidungsstück zum Medium der Selbstvergewisserung. Man könnte sich dieses ohne Schwierigkeit auch als ein Konzept der aktuellen Kunstproduktion vorstellen. Insofern steht die Richtersche Handarbeit, die noch zu Prinzhorns Zeiten, also zu Beginn der 1920er Jahre in die Heidelberger Sammlung aufgenommen wurde, stellvertretend für ein Phänomen, das die Sammlung Prinzhorn von Anfang an begleitet hat: Künstler und Liebhaber zeitgenössischer Kunst waren sofort fasziniert von der Gestaltungskraft und Kreativität der Bildnerei der Geisteskranken, wie der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn in seinem berühmten, 1922 erschienenen Buch die Sammlung benannt hatte. Die psychatrischen Fachkollegen gaben sich deutlich reservierter, und so ist es sicher kein Zufall, dass auch der Wiederentdecker der Sammlung, Harald Szeemann, der 1963 erstmals nach langer Zeit wieder eine Auswahl von Arbeiten in der Kunsthalle Bern öffentlich gezeigt hat, den Zugang aus Interesse an künstlerischen Grenzphänomen gesucht hatte. Seit 2001 ist die Sammlung Prinzhorn, die nach wie vor der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg gehört, nun in eigenen Museumsräumen untergebracht, und das Jäckchen der Agnes Richter zählt auf der Internetseite der Sammlung zu den ausgewählten Arbeiten, die die Sammlung Prinzhorn exemplarisch vertreten.
Literaturhinweis: Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, hg. von Bettina Brand-Claussen und Viola Michely, Heidelberg 2004, S. 146 und 260.
Juni 2007