Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Konzilchronik des Ulrich Richental

Konzilchronik
Chronik des Konzils zu Konstanz 1414–1418
nach Ulrich Richental (Handschrift K),
fol. 9r: "Papst Johannes XXIII wird auf dem Arlberg umgeworfen"

Konstanz, um 1464
Papier, H 39 cm, B 29 cm

Konstanz, Rosgartenmuseum, Inv. Hs.1

In den Jahren 1414 bis 1418 fand in Konstanz der größte und bedeutendste Kongress des Mittelalters statt, das 16. ökumenische Konzil der katholischen Kirche. Die Masse der Teilnehmer überstieg die Einwohnerzahl der Bischofsstadt am Bodensee um ein Vielfaches. Grund für die Einberufung der Kirchenversammlung in Konstanz war das sogenannte abendländische Schisma, eine seit 1378 bestehende Spaltung der katholischen Kirche, die in der Konkurrenz dreier Päpste in Avignon, Rom und Pisa gipfelte. Konstanz war vom deutschen König als neutraler Versammlungsort vorgeschlagen worden. Die Teilnahme zahlreicher weltlicher und kirchlicher Fürsten mit einer unüberschaubaren Menge von Gefolgsleuten und die dramatischen Vorgänge auf dem Konstanzer Konzil haben Neugier und Phantasie der Zeitgenossen beflügelt.

Ein einzigartiges Zeugnis dieses Spektakels vermittelt die Konzilschronik des Konstanzer Bürgers Ulrich Richental. Die Chronik verzeichnet weniger die theologischen und politischen Dispute als vielmehr die Begleitumstände der Konstanzer Verhandlungen und des jahrelangen Zusammenlebens von Stadtbewohnern und Konzilsbesuchern. Ulrich Richental (gest. 1437) war als Augenzeuge des Konzils gut über das Geschehen informiert und nutzte den Kontakt zum Begleitpersonal, um Informationen über die Akteure zusammenzutragen. All dies diente als Materialsammlung für seine wohl noch in den 1420er Jahren entstandene deutschsprachige Chronik, die er ohne Auftrag verfasste und auf eigene Kosten durch professionelle Maler illustrieren ließ. Die ursprüngliche Fassung scheint verloren, doch existieren insgesamt sieben bebilderte Kopien, darunter der Codex im Rosgartenmuseum, der um 1464 entstanden ist. Weitere Abschriften werden in Karlsruhe, in Wien, Prag und New York aufbewahrt. Die Konstanzer Handschrift befindet sich bereits seit dem 15. Jahrhundert in städtischem Besitz; sie bildet heute den kostbarsten Besitz des Rosgartenmuseums aus dem Mittelalter.

Die hier gezeigt Seite aus der Konzilschronik Richentals berichtet von einem Unfall des Papstes Johannes XXIII bei der Überquerung des Arlbergs. Der Papst, der an Allerheiligen des Jahres 1414 das Konzil eröffnen sollte, war am 1. Oktober in Bologna aufgebrochen, hatte den Reschenpass und den Arlberg überquert und war am 28. Oktober in Kreuzlingen eingetroffen. Johannes XIII war als einziger der drei amtierenden Päpste in Konstanz anwesend, was ihn allerdings nicht vor dem Verlust des Amtes schützte – er wurde abgesetzt, während seine Rivalen den Amtsverzicht erklärten, damit das Konstanzer Konklave einen allseits anerkannten Nachfolger wählen konnte. Die - vermutlich frei erfundene - Episode am Arlberg erscheint in der Chronik als Vorzeichen auf die kommenden Ereignisse. Der Papst soll das Missgeschick mit den Worten Jacio hic in nomine diaboli (Ich liege hier in Teufels Namen) kommentiert haben. Und wenig später, berichtet die Chronik, sei dem Papst beim ersten Ausblick auf die Ebene und den Bodensee sogar die Bemerkung si capiuntur volpes (So fängt man Füchse) entfahren - Johannes unternahm 1415 einen erfolglosen Fluchtversuch, um seine Absetzung zu verhindern.

Die ganze Fülle der Textillustrationen der Konstanzer Konzilschronik steht seit kurzem unter Wikipedia Commons zur Verfügung. Wer sich eingehender mit der kunstgeschichtlichen Einordnung der Illustrationen befassen will, wird ebenfalls im Internet fündig.

 
Literatur Gisela Wacker: Ulrich Richentals Chronik des Konstanzer Konzils und ihre Funktionalisierung im 15. und 16. Jahrhundert. Aspekte zur Rekonstruktion der Urschrift und zu den Wirkungsabsichten der überlieferten Handschriften und Drucke. Phil. Diss Universität Tübingen 2002 [PDF]
 
 

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