Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Ein Modellfrüchte Kabinett

Modellfrüchte
60 Modellfrüchte in Originalgröße (20 Apfelsorten, 21 Birnensorten, 8 Zwetschen- und Pflaumensorten, 1 Reneclaude, 1 Mirabelle, 1 Aprikose, 1 Pfirsich, 4 Süßkirschen, 1 Sauerkirsche, 1 Quitte und die Tomatensorte „Gigant“)

Fa. Ludwig Zwirner Nachf., Lautenbach im Renchtal: Gips-Pappmaschee-Masse, Temperafarben, Überzug aus Wachs-Paraffin-Mischung

Museum im Ursula-Stift, Gerstetten-Gussenstadt, erworben 1912

Baden-Württemberg bietet aufgrund seiner naturräumlichen Eigenheiten eine vorzügliche Obstbaulandschaft. Am Ende des 19. Jahrhunderts wies der württembergische Neckarkreis mit 1.560 Bäumen pro 100 ha landwirtschaftlicher Fläche die dichteste Nutzobstbepflanzung Deutschlands auf, ein Erfolg der angewandten Obstbaumkunde, der Pomologie, die in Württemberg mit Johann Caspar Schiller (1723-1796), dem Vater des Dichters, bereits im Zeitalter der Aufklärung einen prominenten Vertreter vorzuweisen hat.
Im 19. Jahrhundert gingen maßgebliche pädagogische Impulse von dem 1860 von Eduard Lucas (1818-1882) gegründeten Pomologischen Institut in Reutlingen aus, das in zwanzig Jahren rund 1.000 Garten- und Obstbauschüler ausgebildet hat. Wissensstand und Erfahrung der Pomologie fand ihren Niederschlag in einer regen Produktion von Lehrbüchern und Zeitschriften. Um die Erfolge der systematischen Obstbauzucht zu verbreiten, waren man auf gutes Anschauungsmaterial angewiesen, das jedoch im Medium der Literatur nur über teure, weil aufwändig handkolorierte Stiche geliefert werden konnte.
Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden deshalb Nachbildungen der wichtigsten Obstsorten produziert, die dank ihres verblüffenden Realismus (bis hin zum originalen Gewicht der Früchte) für Lehrzwecke ein ideales Instrument boten. Gerade Eduard Lucas hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert den didaktischen Wert solcher Modellfruchtsammlungen erkannt und dementsprechend intensiv propagiert. Welche Verbreitung solche pomologischen Kabinette hatten, lässt sich heute allerdings nur noch schwer nachvollziehen, da vermutlich viele Sammlungen untergegangen sind.
In den letzten Jahren haben sich jedoch in naturkundlichen Museen einige dieser Fruchtkabinette  wieder gefunden, so dass unterdessen die wichtigsten Hersteller und ihre Produktion namhaft zu machen sind. Die Herkunft der Sammlung in Gussenstadt war bis vor kurzem unbekannt. Der Museumsleiter Willi-Martin Jäger hat nun aber eine Rechnung aufspüren können, die den Erwerb der Sammlung belegt. Danach ist sie im September 1912 bei der Firma Ludwig Zwirner Nachf. aus Lautenbach im Renchtal erworben worden - in Baden also, obgleich die Sammlung ein Bild der Obstsorten gibt, die um die Jahrhundertwende im Königreich Württemberg für den Anbau empfohlen wurden. Das Gussenstädter Obstkabinett ist 2006 mit finanzieller Unterstützung des Landes restauriert worden und seit 2007 wieder im Museum ausgestellt.


Quellen: Dr. Ute Schuh und Klaus Schuh, Pohlheim bei Gießen; Willi-Martin Jäger, Gerstetten-Gussenstadt


Mai 2007
 
 

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