Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg

 

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Stammbuch (Allbum Amicorum), 1832

Stammbuch

von Elise Gaiser 1832, Heimatmuseum Reutlingen Inv. Nr. 1987/55

Etui aus Pappe und Leder mit Papierkaschierung, 90 Einlegeblätter
L 18,6 cm, B 11,5 cm, H 2,4 cm

Rautenförmiges Klebeetikett im Deckel: Reutlingen gestiftet 21. ten Mai 1832/C. Mössinger/L. Buohl/C.Keppler

Freundin, lebe glücklich und komme gut nach Amerika – mit guten Wünschen und Gedichten verabschiedeten sich Freundinnen und Bekannte von der 20-jährigen Elise Gaiser. Zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern wanderte die junge Reutlingerin 1833 nach Nordamerika aus. Im Jahr vor der Abreise sammelte die Tochter einer kinderreichen Familie Abschiedsgrüße, die sie auf neunzig Einlegeblättern mit Goldschnitt in diesem Stammbuchkästchen verwahrte.
Eine enge Freundin formulierte ihren Schmerz über den endgültigen Abschied:Freundin du gehest, mein Vergnügen geht mit dir! Doch das Bild von deiner Jugend, bleibt in mir. Lebe wohl! im fernen Land, denk an mich. [...] Vergiß mein nicht, wenn viele viele Meylen dich trennen von deiner treuen Freundin.Vor dem Hintergrund der gefährlichen Seereise erhalten auch vorgefertigte, für den Freundschaftskult des 19. Jahrhunderts typische Standardreime eine konkrete Note:
Laß die Winde stürmen auf der Lebensbahn,
Ob die Wagnis thürmen gegen deinen Kahn:
Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht –
Gott ist dein Begleiter, er vergisst dich nicht.

Um 1800 waren Stammbücher als Vorläufer heutiger Poesiealben äußerst beliebt. Die ursprünglich unter Adligen verbreitete Albumsitte, hatte auch die bürgerliche Gesellschaft erobert. Unter den Widmungen für Elise Gaiser sind viele bedeutende Reutlinger Familiennamen zu finden, darunter Honoratioren wie der Knabenschullehrer J.J. Lang. Die arme Schusterstochter war offensichtlich sozial sehr gut eingebunden.Die vielen Segenswünsche verfehlten ihr Wirkung nicht: Elise kam wohlbehalten in Übersee an. Eine Einwohnerliste des Ortes Hempfield in Pennsylvania weist sie im Jahr 1880 als 70-jährige Witwe aus, in deren Haushalt ein Sohn, eine Enkeltochter und ein Untermieter lebten.

Das Gaisersche Album Amicorum konnte 1987 vom Reutlinger Heimatmuseum im örtlichen  Antiquitätenhandel erworben werden, nachdem es auf unbekannten Wegen von Pennsylvania nach Reutlingen zurückgefunden hatte.

Zu sehen ist das Objekt in der Wanderausstellung Auswanderung aus Europa. Hamburg – Hafen der Träume, die vom 23. März bis 10. Juni im Reutlinger Heimatmuseum gezeigt wird.

 

März 2007

 
 

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