Weinflasche (Bouteille)
Bayern (?), um 1740
Grünglas, H 19,2 cm
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, Inv.Nr. 6455
Wie viele Dinge des täglichen Gebrauchs sind einfache Glaswaren aus alter Zeit selten in kulturgeschichtlichen Sammlungen zu finden. Nur ausnahmsweise haben sich solche Gegenstände erhalten, vor allem dann, wenn sie mit einem spezifischen Erinnerungswert verbinden ließen, so wie dies bei der hier vorgestellten Weinflasche der Fall ist. Die für das 18. Jahrhundert typische "Schlegel"-Form mit hochgestochenem Boden lässt auf das Erzeugnis einer bayerischen Glashütte schließen. 1876 ist die Flasche von der Württembergischen Staatssammlung für vaterländische Kunst- und Altertumsdenkmale erworben worden, nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern wegen einer Gravur auf der Schulter des Flaschenkörpers: "Dieses Glas vol Burgunder Wein hat Herr General Graff Belle Isle im Posthaus alhier ausgetrunken Anno 1741". Nur Dank der in ungelenker Schrift eingeritzten Erinnerung hat die Flasche die Zeiten überdauert.
Der prominente Weintrinker war Louis-Charles-Auguste Fouquet de Belle-Isle (1684-1761), seit 1740 Maréchal de France und Ambassadeur extraordinaire et plénipotentiaire en Allemagne. Als solcher hatte sich der Comte de Belle-Isle zu Beginn des Jahres 1741 in Frankfurt, der Krönungsstadt der römisch-deutschen Kaiser, einquartiert, um im Kampf um die österreichische Erbfolge nach dem Tod Kaiser Karls VI. die französischen Machtinteressen zu vertreten und die Wahl eines habsburgischen Thronfolgers zu verhindern. Mit starker militärischer, finanzieller und politischer Unterstützung Frankreichs konnte der bayerische Kurfürst Karl Albrecht (1697-1745) mit Erfolg seine Kandidatur vorbereiten. Anfang 1742 wurde der Wittelsbacher zum Römischen König gewählt und anschließend zum Kaiser gekrönt. Im Vorfeld der Kandidatur reiste Belle-Isle 1741 von Frankfurt aus mehrfach durch Süddeutschland.
Wohl auf einer dieser Reisen ist dem General die Weinflasche serviert worden. Wo genau, war vermutlich beim Erwerb der Flasche schon vergessen. Der Vorbesitzer - Moses Hayum Levi (1815-1894) aus Freudental – konnte dazu offenbar keine Angaben machen, sonst wäre dies im Inventarbuch vermerkt worden, das die Flascheninschrift im Wortlaut festhält. Die Inschrift lässt darauf schließen, dass Belle-Isle eine der Routen des Thurn- und Taxischen Postverkehrs benutzt hat. An welchem Ort der Reisetross des Generals Station gemacht hat, kann jedoch nur vermutet werden. Die Formulierung "Posthaus" könnte auf Augsburg deuten; dort befand sich im 16. und 17. Jahrhundert der Hauptsitz der kaiserlichen Reichspost. Das Taxissche Posthaus am Pfannenstil, 1549 errichtet, lag am Kreuzungspunkt der wichtigsten Nord-Süd- und West-Ost-Verbindungen. Die Vorstellung, dass unsere Weinflasche ausgerechnet dort ausgetrunken wurde, ist zumindest nicht ohne Reiz.
Literatur Reine Formsache. Deutsches Formglas 15. bis 19. Jahrhundert. Sammlung Birgit und Dieter Schaich, München 2007, Seite 229, Abb. Nr. 148, 149.
Februar 2012
