Missionsspardose "Nickneger"
Württemberg, um 1900
Holz, Pappmache, Draht und Blech
H 21 cm
Beschriftung "Gedenket der Heidenmission"
Waldenbuch, Museum der Alltagskultur

"Nickneger" – so hießen die Missionsspardosen, die früher in fast jeder Kirche an der Weihnachtskrippe standen. Mit einem artigen Kopfnicken "bedankten" sich die Gips- oder Pappmache-Figuren, sobald man ein Geldstück eingeworfen hatte. Der "Nickneger" war etwa ein Jahrhundert lang das beliebteste Fundraisinginstrument für die Mission in Afrika.

Erst mit dem Rückzug der europäischen Kolonialmächte vom afrikanischen Kontinent in den 1960er Jahren verschwand nach und nach auch der kleine Spendensammler von der Weihnachtskrippe. Missionare haben die Eroberung der "Dritten Welt" durch die Europäer von Anfang an begleitet. Ein berühmt-berüchtigtes Gedicht des in Indien geborenen Schriftstellers Rudyard Kipling, The White Man's Burden, feiert noch um die Jahrhundertwende die Kolonisation als selbstlosen zivilisatorischen Auftrag der weißen Rasse.

Auch für die Missionsorden und Missionsgesellschaften war die kulturelle Überlegenheit selbstverständlich an die Hautfarbe gebunden. Der Aufbau von Bildungsinstituten und Einrichtungen zur medizinischen Betreuung der indigenen Bevölkerung, wie er von den Missionsstationen aus betrieben wurde, war weniger als Hilfe zur Selbsthilfe gemeint als vielmehr zur Linderung der Not von selbst Hilflosen.

Solange diese Grundeinstellung galt, erschien der "Nickneger" als Spardose unproblematisch. Als nach dem Zweiten Weltkrieg mit Gründung der Vereinten Nationen der Rassismus – zumindest als Grundlage internationaler Politik - mehr und mehr in Verruf geriet, wurde der diskriminierende Charakter solcher Darstellungen zunächst peinlich und schließlich unerträglich.

Im Rückblick hat die Arbeit der Missionare jedoch nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die einstigen Kolonien ihre Unabhängigkeit erstreiten konnten. Die Missionswerke der Gegenwart haben indessen nicht mehr viel mit ihren Vorgängern gemein. Man spricht inzwischen gerne von der Solidarpartnerschaft mit den Entwicklungsländern. Vom Nickneger aus Pappmachée möchte man am liebsten nichts mehr wissen.

Dezember 2010

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